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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


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Eine Klage meinerseits
über den freimütigen Tadel des Langius,
der aber zur Aufgabe des Philosophen gehört.
Des Weiteren ein Versuch, das oben Ausgeführte
mit der Verpflichtung zur Vaterlandsliebe zu widerlegen.


Für ein Vorgeplänkel erschien mir dies dann doch etwas zu
heftig, und so fuhr ich dazwischen: „Was soll diese freizü-
gige Rede, ja diese Schärfe? Willst du mich schmähen oder
kränken? Zu Recht könnte ich dich mit Euripides tadeln: ‘Füge
mir Leidgeprüftem keinen neuen Schaden zu. Schon hinreichend
werde ich durch das Unglück gepeinigt.’

Langius lächelte: „Du erwartest also von mir ein Zuckerplätz-
chen1 oder einen Schluck Mulsum2 Hast du nicht vor kurzem
noch Eisen und Feuer gefordert? Und dies zu recht!
Denn, Lipsius, du hörst hier einem Philosophen zu, keinem Flö-
tenspieler. Ich habe mir vorgenommen, dich zu lehren, nicht
dich zu verwöhnen.3 Ich will dir von Nutzen, nicht zu Gefallen
sein. Mir ist es lieber, du wirst puterrot vor Scham, als dass du
lächelst. Ich ziehe es vor, du bereust, als dass du mir übermütig
wirst. ‘Die Schule eines Philosophen, ihr Herren,’ rief einst Ru-
fus, ‘ist wie die Werkstatt eines Arztes’.4 Dorthin kommt man,

1 „Crustulum“ wird im Mittellatein zu „Brotkruste“. So übersetzt Viritius 26v. „Butterbrodt“.
2 „Honigwein“. Vir. 26v. „ein Trunck Meht“.
3 „Ducere“ hier im Sinne von „ans Händchen nehmen“, „verhätscheln“.
4 Vgl. Epiktet, Diss. 3.23.30. S. Weisheit, S. 179f.




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um geheilt zu werden, und nicht um der Lust zu frönen. Dieser
Arzt streichelt und schmeichelt nie, sondern er dringt in die Tie-
fe vor, er sticht und kratzt, und mit dem scharfen Salz seiner Re-
den reinigt er den menschlichen Geist von allem Schmutz.
Deshalb, Lipsius, denk auch in Zukunft nicht an Rosen, Sesam
oder Mohn, sondern an Dornen und Dolche, an Wermut und Es-
sig.“ Darauf entgegnete ich wiederum: „Langius, mit Verlaub, aber du
behandelst mich schlecht und boshaft. Du wirfst mich nicht wie
ein guter Faustkämpfer mit einem regulären Schlag zu Boden,
sondern stellst mir mit deiner Spitzfindigkeit ein Bein. Du
nennst uns Heuchler und behauptest, wir beweinen unser Vater-
land nicht um seiner selbst willen. Was mich anbetrifft, liegst du
damit falsch. Wenn ich dir auch aufrichtigerweise zugestehe,
dass mit der Heimat auch ich zum Teil selbst betroffen bin, so
ist mein Schicksal für mich doch nicht allein ausschlaggebend.
Ich trauere in erster Linie um das Vaterland, jawohl, ich trauere,
und ich werde auch in Zukunft trauern, selbst wenn mir keinerlei
Gefahr droht, das Vaterland aber in Bedrängnis ist. Und das mit
gutem Recht. Denn das Vaterland hat mich aufgenommen, behü-
tet und ernährt; so ist es nach dem Empfinden, das allen Völkern
gemeinsam ist, die unantastbare und ehrwürdige Mutter. Aber
du gibst mir die ganze Welt zur Heimat. Nun, wer streitet’s denn
ab? Aber gib’s doch zu: Außer diesem großen und allumfassen-
den gibt es noch eine anderes Vaterland, das mir vertrauter und
mehr zu eigen ist. Dem fühle ich mich durch ein verborgenes
Band der Natur nun mal näher verbunden. Es sei denn, du
denkst, es existiert keine Kraft, die uns anlockt und zum Hei-
matboden zieht. An den haben wir doch zuerst unseren Körper
gepresst, darauf mit unseren Füßen gestanden. Seine Luft haben
wir geatmet. Dort haben wir in unseren Windeln gewimmert,
dort haben wir als Kinder gespielt, dort sind wir als Jugendliche
ausgebildet und erzogen worden. Hier sind Himmel, Flüsse und
Felder den Augen vertraut. Hier haben wir eine ganze Reihe von
Verwandten, Freunden und Kameraden. Und so viele reizvolle
Freuden, die wir anderswo auf Erden vergeblich suchen. Es han-
delt sich hierbei nicht um einen dünnen Faden der Einbildung,
wie du gerne glauben machen möchtest, sondern um starke Fes-
seln der Natur. Wende dich doch einmal den anderen Lebewesen
zu. Sieh dir die Raubtiere an; sie kennen und lieben ihr Lager;
ebenso die Vögel ihre Nester. Selbst die Fische im unendlich
großen Ozean leben mit Vorliebe an einem bestimmten Ort. Und
die Menschen? Seien sie nun zivilisiert oder Barbaren - sie sind
in jedem Fall ihrer Heimaterde verbunden. Und jeder aufrechte
Mann wird nicht zögern, für das Vaterland sein Leben zu geben,
und es ist für ihn unstreitig, in der Heimat sterben zu wollen.
Deshalb, mein Langius, kann ich deiner neuen und harten Lehre
bislang nicht folgen, und ich verstehe sie auch nicht. Vielmehr
sehe ich mich durch Euripides bestätigt, wenn er sagt: ‘Es ist die
Notwendigkeit, die alle Menschen ihr Vaterland lieben läßt.’