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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.11.C 1.11.34












Pseudo-Pietas






Pietas





















Opinio










Pietas
Widerlegung des zweiten Affektes:
der übersteigerten Liebe zum Vaterland.1
Diese wird fälschlicherweise Pietas genannt.2
Es wird ebenso gezeigt, woher dieser Affekt stammt
und welche unsere eigentliche und wahre Heimat ist.


Langius lächelte über meine Beschwerden: „Junger Mann“,
sagte er, „deine Vaterlandsliebe verwundert mich doch
sehr.
Ich habe den Eindruck, der Bruder des Marc Anton muss um
seinen Beinamen bangen.3 Aber dennoch wird sich dein Affekt
ganz leicht von selbst offenbaren und zum Kampf antreten. Ihn
anzugreifen und mit einem schnellen Streich niederzustrecken,
hatte ich mir ja vorher schon vorgenommen. Vor allen Dingen
aber reiße ich ihm die Verkleidung charakterlicher Vortrefflich-
keit herunter, mit der er sich ungehörigerweise schmückt.
Gewöhnlich wird also die Liebe zum Vaterland Pietas genannt.
Ich gestehe, ich begreife das nicht, und ich dulde es auch nicht.
Denn was ist Pietas eigentlich? Ich weiß doch, dass sie zu den
hervorragenden Charaktereigenschaften zählt. Von Hause aus ist
sie nichts anderes als die rechtmäßige und gebührende Ehrbezei-
gung und Liebe zu Gott und Eltern. Mit welcher Berechtigung
drängt sich das Vaterland in die Mitte zwischen diese beiden?4
Deshalb, so sagen die Leute, weil gerade das Vaterland die hei-
ligste und ehrwürdigste Mutter ist.
Oh, ihr Dummköpfe, ihr vergeht euch nicht nur an der Vernunft,
sondern auch an der Natur selbst. Das Vaterland ist also eine
Mutter? Warum denn? Und auf welche Weise? Ich kann hier
nichts Derartiges erkennen. Aber wenn du klarer siehst, Lipsius,
dann erhelle meine Dunkelheit!
Weil es mich aufgenommen hat? Offensichtlich hast du das
doch vorhin ausdrücken wollen. Aber das tut doch jeder Gast-
wirt, jede Kneipe. Es hat mich gepflegt? Das taten einst mein
Kindermädchen und meine Amme nicht weniger zärtlich. Es hat
mich genährt? Das tun doch Vieh, Bäume und Felder jeden Tag.
Und außer der Erde von den großen Elementen ebenso Himmel,
Luft und Wasser. Gehe doch mal in ein anderes Land, und wo du
auch bist, es wird dich ebenso ernähren.
Was du da vorbringst, sind doch nur salbungsvolle und gefühls-
triefende Worte, mit denen du nichts anderes zum Ausdruck
bringst als den pöbelhaften und nutzlosen Quatsch, der aus der
Einbildung oder Meinung entsteht.
Jedenfalls sind allein die unsere Eltern, die uns das Leben gege-
ben, uns erzogen und in besonderer Weise geliebt haben. Deren
Gene, Blut und Fleisch tragen wir in uns. Gäbe es irgendeine
Analogie zwischen Eltern und Vaterland, ja, dann kämpfte ich
vergeblich gegen diese Bedeutung von Pietas.
Aber große und gelehrte Männer haben doch allenthalben so
gesprochen. Ja, einem solchen Einwand stimme ich zu. Aber die
strebten nach Ruhm, nicht nach Wahrheit. Wenn du letzterer
folgst, wirst du den heiligen und erhabenen Namen Pietas
allein der Beziehung zu Gott und, wenn es dir gefällt, den Eltern
zugestehen.

1 „adfectus nimii amoris in patriam“.
2 Pietas wird zumeist mit „Frömmigkeit“ übersetzt. Doch hat sie im Laufe der Sprach-
geschichte auch ein größeres Bedeutungsspektrum und benennt Charakter-
eigenschaften wie Tapferkeit u.a. Um Verwirrung durch den uns geläufigen o.g. religiösen
Begriff zu vermeiden, wird hier Pietas als lateinischer Ausdruck beibehalten, wenn die
deutsche Bedeutung eindeutig ist. Zur Problematik der Pietas s. Weisheit, S. 69ff.
und bes. S. 70, Anm. 11.
3 Vir. 29v., n.3 „Pii“.
4 Eine Glosse erklärt hierzu: „Denn es gibt dann drei Abstufungen der Pietas:
gegenüber Gott, dem Vaterland und den Eltern.“




1.11.C 1.11.35

















Entstehen von
Staaten







Eigentum






Gesetz und
Gewohnheitsrecht





Gemeinwohl
Den Affekt der Vaterlandsliebe jedenfalls wirst du dann, auch
wenn er von seinen Fehlern befreit ist, auf den ehrenvollen Titel
Caritas5 beschränken.
Aber von Namen und Bezeichnungen soll es nun genug sein:
Lass uns besser die Sache selbst betrachten. Die Liebe zum Va-
terland hebe ich ja nicht gänzlich auf, sondern ich mäßige sie. So
beschneide ich sie mit dem Skalpell der Weisheit. Denn wie ein
Rebstock wuchert, wenn man ihn nicht ringsherum beschneidet,
so schießen auch die menschlichen Triebe ins Kraut, wenn ihnen
die Volksgunst Auftrieb verleiht.
Doch auch ich, Lipsius, habe nicht aufgehört, Mensch und Bür-
ger zu sein, und so bekenne ich gern, dass einem jeden von uns
eine gewisse Zuneigung und Liebe zu unserer Heimat eigen ist.
Aber weshalb das so ist, ist dir, wie ich sehe, kaum bekannt.
Denn du möchtest gerne darin eine Naturanlage sehen.
Tatsächlich aber handelt es sich dabei um etwas, das in der Ge-
wöhnung und Konvention begründet ist.
Als die Menschen nämlich aus ihrem rohen und einsamen Leben
vom Lande in die Städte zusammengedrängt wurden und anfin-
gen, Häuser und Mauern zu errichten, Vereine6 zu gründen und
als Volk Gewalt auszuüben und abzuwehren, da ist notgedrun-
gen unter ihnen eine Gemeinschaft entstanden, eine gemeinsame
Regelung verschiedener Dinge. Gemeinsam hatten sie nun ein
Land mit fest umrissenen Grenzen, Tempel, Marktplätze, eine
Staatskasse und Gerichte. Was sie besonders verband, waren
ihre Zeremonien, Rechte und Gesetze.
Doch unsere Habgier begann diese Dinge so zu leben und zu
pflegen, als wären sie unser Eigentum; und völlig falsch ist das
ja nicht. Denn jeder einzelne Bürger hat ein Recht auf dieses
Gemeingut, und es unterscheidet sich von Privatbesitz nur da-
durch, dass es nicht nur einem einzigen gehört. Dieser beschrie-
bene Zusammenschluss stellt nun Form und Gestalt eines neuen
Zustands dar, den wir Staat oder genauer Vaterland nennen.
Als die Menschen erkannten, wie viel Nutzen jeder einzelne für
sein Wohlergehen aus dieser Vereinigung zog, wurden auch
Gesetze erlassen, die die Gemeinschaft stützen und verteidigen
sollten. In jedem Fall aber wurde von den Vorfahren ein mündli-
ches Gewohnheitsrecht überliefert, das den geschriebenen Ge-
setzen an Bedeutung gleichkommt. Daher freuen wir uns über
das Glück des Vaterlandes und betrauern sein Unglück.
Denn in der Tat, wenn es ihm gut geht, ist auch unser ganzer
Besitzstand gesichert; geht es zugrunde, wird er vernichtet.
Von daher stammt die Liebe zum Vaterland, die unsere Vorfah-
ren um des Gemeinwohls7 willen gemehrt haben, indem sie
durch allerlei Worte und Werke die Würde des Vaterlandes för-
derten. (Zum Wohl der Allgemeinheit zieht uns allerdings auch
eine geheimnisvolle Kraft der göttlichen Vorsehung.)8
Besagter Affekt stammt also aus der menschlichen Organisation
der Gesellschaft - das ist jedenfalls meine Beurteilung der Sach-
lage.
Sollte er aber natürlichen Ursprungs sein, wie du dachtest, war-
um ist er dann nicht bei allen gleich und von derselben Stärke?
Warum lieben und schätzen die Edlen und Reichen das Vater-
land mehr, dagegen die einfachen Leute und Mittellosen weni-
ger? Du siehst doch, dass die sich viel mehr um ihre eigenen
Angelegen-

5 „caritas“ - Hochachtung, Liebe - soll hier ebenfalls als Begriff unübersetzt bleiben,
um von „pietas/
amor“ in der Bedeutung - Liebe - unterschieden zu werden.
6 „coetus“, Vir. „Zunfften“.
7 „bonum publicum“; vgl. später Rousseau „bien public“.
8 Diese Parenthese ist im Lateinischen hinter „bonum publicum“ in den Satz integriert
und der syntaktischen Klarheit wegen hier nachgeschoben. Lipsius’ Aussage mag
verwirren und erscheint an dieser Stelle überflüssig. Zumal sie den vorhergehenden
Ausführungen von der Entstehung der Staaten als Menschenwerk zu widersprechen
scheint. Zur Providentia (Vorsehung) s. u. Kapitel 13ff.




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Auswanderung










Heimaterde



























Das Vaterland der
Weisen
heiten kümmern und dabei die öffentlichen Belange außer Acht
lassen. Aber ein derart unterschiedliches Verhalten verschiede-
ner Menschen gibt es bei keinem Affekt, der aus dem ungestü-
men Anstoß der Natur stammt.
Schließlich - weshalb hat oft ein ganz nichtiger Anlass die Va-
terlandsliebe beeinträchtigt oder gar ganz ausgelöscht?
Schau, den einen hat der Zorn, einen anderen die Liebe, wieder
andere der Ehrgeiz aus der Heimat weggelockt; und wie viele
verlockt heute Gott Mammon? Wie viele Italiener haben die
Königin der Länder, Italien, verlassen und in Frankreich,
Deutschland, ja sogar in Russland gesiedelt - einzig und allein,
um Geld zu verdienen? Wie viel tausend Spanier werden Jahr
für Jahr von Habgier und Ehrgeiz in fernste Länder der Neuen
Welt gezogen?9 Das ist doch wohl fürwahr ein schlagendes Ar-
gument dafür, dass dies Band der Vaterlandsliebe rein äußerlich
und eingebildet ist, wenn eine einzige Begierde es so blindlings
löst und zerreißt.
Aber du irrst auch sehr in der Beschreibung dessen, was das Va-
terland eigentlich ist, Lipsius. Denn du beschränkst es ja auf die
Heimaterde, auf der wir stehen, an die wir unsere Brust schmie-
gen; und was du mir sonst noch an Wortgeklingel daherredest.
Von daher willst du irrigerweise die inneren Ursachen besagter
Liebe suchen. Wenn aber nur unser Geburtsort den Namen Va-
terland verdient, wird meines lediglich Brüssel, deines Overijse
sein. Irgendein anderer hat nur eine Hütte, ja viele werden nicht
mal einen Schuppen ihr eigen nennen können, sondern erblick-
ten im Wald auf nacktem Boden das Licht der Welt. Soll ich nur
Haus und Hof als mein Vaterland lieben und verteidigen?
Du siehst, wie albern das ist. Und wie glücklich nach deiner De-
finition die sein müssten, die in Wald und Flur leben. Denn ihre
Heimaterde steht immer in Blüte und fast außerhalb jeder Gefahr
von Unglück und Untergang.
Nein, das ist fürwahr nicht unser Vaterland Vielmehr ist es eine
feste Größe, vergleichbar mit einem Staatsschiff, das unter
einem einzigen König oder Gesetz segelt. Du willst, dass seine
Bürger es mit Recht lieben - ich gestehe es dir zu; dass sie es
verteidigen - einverstanden; dass sie seinetwegen den Tod auf
sich nehmen - auch das lasse ich geschehen.
Aber ich dulde nicht, dass einer deshalb in Trauer darniederliegt
und lamentiert. ‘Es zeugt von Liebe und ist ehrenvoll, fürs Vater-
land sein Leben zu geben,’
sagte Horaz von Venusia unter gro-
ßem Beifall der Zuschauer.10 Aber er sagte sterben, nicht heulen.
Denn genauso müssen wir gute Bürger sein, wie wir tapfere
Männer sind. Wir entblößen uns dieser Tugend aber, wenn wir
uns dem Heulen und Klagen der Kinder und Weiber überlassen.
Zum guten Schluss, Lipsius, will ich dir ein tiefes Geheimnis
anvertrauen. Wenn du dir den Menschen in seiner Ganzheit

9 „in sepositas et sub alio sole terras“. Schon Viritius verweist in einer Rand-
notiz (Vir. 32v, n.!) auf die „Neue Welt“.
10 Horaz, carm. 3.2.13. Vgl. Weisheit S. 75 u. bes. Anm. 23.




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anschaust, erkennst du, dass alle diese Vaterländer falsch und
nichtig sind. Vielleicht kann man irgendeines dem Bereich des
Körperlichen und Irdischen zurechen, keines aber dem Geistigen
und Seelischen. Die Seele ist nämlich aus ihrer himmlischen
Wohnung herabstürzt und betrachtet die ganze Erde als einen
Kerker und ein Gefängnis.11 Der Himmel ist ihre wahrhaftige
und wirkliche Heimat. Dem wollen wir uns zu nähern suchen,
damit wir, wenn uns dein Dummkopf fragt, ob uns nichts am
Vaterland gelegen sei, von Herzen mit Anaxagoras antworten
können: ‘Das ist mein Vaterland’; und mit Finger und Geist
wollen wir dann gen Himmel zeigen.“12

11 S. Weisheit, S. 72f.
12 S. Weisheit, S. 73, Anm. 17, Teil 2