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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


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Das zweite Argument für die Geistesstärke:
die Notwendigkeit (Necessitas).
Ihre Macht und Gewalt in zweifacher Hinsicht,
zunächst in den Dingen selbst.


Das, Lipsius, ist der starke Schild - wie von Vulkan selbst
geschmiedet - gegen alle äußeren Einflüsse. Das ist die






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Notwendigkeit
(Necessitas)
güldene Waffe, unter deren Schutz uns Platon heißt, gegen Zu-
fall und Glück zu kämpfen. Wir sollen uns Gott unterwerfen,
Gottes gedenken und bei allem, was sich ereignet, unseren Geist
hinlenken zu dem mächtigen Weltgeist. Diesen nenne ich hier
Vorsehung - Providentia. Von deren tapferen und erfolgreichen
Truppen habe ich nun genug gehandelt. Deshalb führe ich nun
einen
anderen Heerbann, der unter der Fahne der Notwendigkeit
Necessitas steht, ins Feld. Dabei handelt es sich um einen star-
ken, harten und eisernen Haufen, den ich nicht ohne Grund die
donnernde Legion nenne. Ihre Kraft ist unbeugsam,1 sie bändigt
und überwindet alles. Es sollte mich wundern, Lipsius, wenn du
der widerstehst.
Als Thales einst gefragt wurde, welche die stärkste Macht wäre,
hat er korrekt geantwortet: ‘Die Notwendigkeit, denn sie be-
herrscht alles.’
2 Über sie gibt es auch noch ein weiteres altes
Wort, das allerdings kaum ehrfurchtsvoll genannt werden kann:
‘Selbst die Götter haben keine Gewalt über die Notwendigkeit.’
Sie füge ich nun der Vorsehung bei. Denn sie ist jener verwandt
oder, um es genauer zu sagen, sie ist aus der Vorsehung hervor-
gegangen. Die Necessitas oder Notwendigkeit entspringt Gottes
Ratschluss und ist somit genau, wie der griechische Philosoph
sie definiert, ‘eine feste Entscheidung und unwandelbare Macht
der Vorsehung’
.3
Ich werde auf zweifache Weise und unumstößlich beweisen,
dass die Providentia maßgeblich auf die öffentlichen Plagen
einwirkt. Die Untersuchung richtet sich auf die weltlichen Dinge
einerseits und auf das von Gott verhängte Schicksal oder Fatum4
andererseits.
Zunächst zu den Dingen selbst: Denn allem Erschaffenen ist es
eigen, dass eine bestimmte innewohnende Kraft zu Veränderung
und schließlich zum Untergang führt. Wie Eisen von Natur aus
vom Rost zerfressen wird, Holz von Fäulnis oder dem Holz-
wurm,5 so tragen auch alle Lebewesen, Städte und Königreiche
die inneren Ursachen ihres Todes in sich.6
Schau nach oben oder unten, sieh dir die großen oder kleinen
Dinge an: Alles, was von Hand gemacht oder vom Geiste er-
dacht, ist seit Menschengedenken vergänglich und wird für alle
Zeit vergänglich sein. Wie die Flüsse in ewigem Lauf dem Meer
entgegen stürzen, so fließen alle menschlichen Dinge durch die-
sen - ich möchte mal sagen - Kanal der Leiden ihrem vorbe-
stimmten Ziel zu. Das Ziel ist Tod und Untergang, dessen

1 „Rigida enim et infracta ista vis ...“; „infractus“ muss hier als „unzerbrechlich“ und
demnach unterstützend zu „rigidus“ aufgefaßt werden. Die bekannten Bedeutungen wie
„entmutigt“, „abgehackt“ (in der Rede) sind hier widersinnig. Für das Gestammele oder
kleinmütige Reden setzt Lipsius in C 1.12.38 entsprechend „verba fracta“.
2 Zur Problematik der Notwendigkeit in der philosophischen Dimension von Necessitas oder
griechisch „anagkh“ s. Weisheit S. 122ff.; zu Thales s. ebda, S. 122, Anm. 3.
3 Stobaeus, Eclog. Phys. 1.5.7; s. Weisheit S. 123, Anm. 7.
4 Das Fatum behandelt Lipsius ausführlich ab Kapitel 17.
5 Platon, Pol. 608e f.
6 S. Weisheit S. 124 u. Anm. 12.




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Zuträger und Werkzeuge sind Pest, Krieg und Totschlag. Wenn
also für die Menschen der Tod eine Notwendigkeit darstellt, sind
unter diesem Gesichtspunkt auch die Unglücke nötig.
Damit du dies anhand von Beispielen etwas deutlicher erkennen
kannst, so will ich gern mal Verstand und Phantasie bemühen,
um mit dir eine kleine Reise durch dieses Universum zu unter-
nehmen.