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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.18.C 1.18.49






Fatum Mathematicum















Fatum Naturale
Kurze Darstellung der ersten drei Schicksalsbegriffe
sowie deren Definition bzw. Beschreibung.
Abschließend eine kurze Rechtfertigung der Stoiker.


Das Fatum Mathematicum1 der Astrologen fesselt alle
Handlungenund knüpft alle Ereignisse unverbrüchlich an die
Gewalt und Stellung der Gestirne.
Als Begründer dieser Lehre gelten die Chaldäer und Sterndeuter.
Unter den Philosophen ist der erhabene Mercurius2 hierfür ein
bedeutender Gewährsmann. Er unterscheidet feinsinnig und
durchaus treffend Vorsehung, Notwendigkeit und Schicksal:
‘Die Vorsehung ist die unabhängige, in sich selbst vollendete
Vernunft Gottes. Sie hat zwei natürliche Kräfte: Notwendigkeit
und Schicksal. Beide dienen der Vorsehung. Dem Schicksal aber
gehorchen die Sterne. Denn niemand kann sich der Macht des
Schicksals entziehen, wie auch niemand der Strenge der Sterne
entkommen wird. Die Sterne sind das Werkzeug des Schicksals,
dem gemäß sie alles in der Natur und bei den Menschen zustan-
de bringen.’
Selbst heutzutage segeln in diesem Schiff voller
Narren nicht nur die gewöhnlichen Sterndeuter oder Wahrsager,
sondern (man wagt es kaum zu sagen) manch einer aus der
Schar der Theologen.
Das Fatum Naturale3 nenne ich die geordnete Abfolge der natür-
lichen Ursachen, die (wenn sie nicht gehindert werden) durch
ihre wesensmäßige Kraft eine bestimmte Wirkung hervorbrin-
gen. Diese Auffassung vertritt u.a. Aristoteles, wenn man Ale-
xander Aphrodisias, seinem getreuen Kommentator, folgen mag.
Ebenso denkt Theophrast, der deutlich zum Ausdruck bringt:
‘Das Fatum ist das immanente Wesen eines jeden Dinges.’
Demzufolge geschieht durch das Schicksal, dass ein Mensch
einen anderen zeugt. Wenn einer aufgrund innerer Ursachen oh-
ne Fremdeinwirkung stirbt, geschieht auch dies durch das
Schicksal. Und umgekehrt: Sollte ein Mensch einen Drachen
hervorbringen oder ein anderes Monstrum, hat dies nichts mit
dem Fatum zu tun. Eben so wenig, wenn jemand durch Schwert
oder Feuer den Tod findet.
Diese Lehre ist keineswegs sündhaft zu nennen, da sie nicht ein-
mal an die Macht des Schicksals rührt. Ist es nicht so, dass der,
der nicht aufsteigt, auch nicht abstürzen kann? So verhält es sich
mit Aristoteles fast immer, wenn er über göttliche Dinge
schreibt. Das Büchlein ‘Über den Kosmos’ möchte ich hiervon
ausnehmen, da es mir ganz prächtig zu sein scheint, geradezu
von einer himmlischen Ausdruckskraft.4

1 Zum Fatum Mathematicum s. Weisheit S.113ff.
2 Gemeint ist Hermes Trismegistos, der mit einer umfangreichen Textstelle die Grundlage der nun folgenden Ausführungen bildet (Hermetica 1.434.z.8-15).
3 Zum Fatum Naturale s. Weisheit S. 108ff.
4 C 1.18.49 „ab alia ... magis caelesti aura.“ Vir. 53 paraphrasiert hier frei: „so, das mich dünket, es habe weit ein ander Mann gemacht.“ Doch trifft er damit den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf, gilt doch heute die Schrift „De Mundo“ als pseudoaristotelisch; vgl. Weisheit S. 111f. u. Anm. 51f.




1.18.C 1.18.50







Fatum Violentum












































Der freie Wille
Und da lese ich doch bei einem griechischen Autor,5 Aristoteles
sei der Meinung gewesen, ‘das Schicksal sei überhaupt keine
Ursache, sondern irgendeine Art von Ursache, die lediglich den
Verfügungen der Notwendigkeit nachgeordnet ist.’
Was ist das
nur für ein Philosoph, der es wagt, Glück und Zufall6 unter die
Ursachen zu zählen, aber nicht das Fatum?
Aber diesen Standpunkt will ich nun verlassen und zu meinen
Stoikern kommen, die die Begründer einer rigorosen Schicksals-
auffassung sind.7 (Ich mache kein Hehl daraus, dass mir diese
Schule sehr am Herzen liegt und meine ganze Wertschätzung
genießt.) Hiernach definiere ich das Schicksal mit Seneca als
‘Notwendigkeit aller menschlichen Dinge und Handlungen, die
keine Kraft oder Gewalt aufheben kann.’
8 Oder mit Chrysipp als
‘eine geistige Kraft, die alles und jedes ordnet.’9
Diese Definitionen, wenn man sie mit Sinn und Verstand deutet,
weichen gar nicht so sehr vom rechten und wahren Weg ab. Und
dies gälte vielleicht für die ganze stoische Lehre, hätte ihr nicht
schon frühzeitig der nach unten gereckte Daumen des Pöbels
den Garaus gemacht.
Zwei Verfehlungen wirft man den Stoikern vor: dass sie Gott
den verschlungenen Pfaden des Schicksals unterwerfen und
ebenso die inneren Handlungen unserer freien Willensentschei-
dung.
Nun will ich sie nicht völlig von diesen beiden Vorwürfen frei-
sprechen, denn aus ihren Schriften, von denen nur Fragmente
auf uns gekommen sind, mag man durchaus solches zutage för-
dern. Es gibt darin aber auch viel Vernünftiges. Seneca, fürwahr
eine nicht unbedeutende Säule in dieser Halle,10 scheint am
ehesten Anstoß zu erregen, und das in einem Buch, in dem er es
am wenigsten dürfte - nämlich ‘De Providentia’, Über die Vor-
sehung.
Dort schreibt er: ‘Ein und dieselbe Notwendigkeit bindet auch
die Götter. Menschliche und göttliche Dinge verlaufen glei-
chermaßen auf einer unwiderruflichen Bahn. Der Begründer
und Lenker aller Dinge hat zwar die Schicksale festgeschrieben,
aber er folgt ihnen auch selbst. Einmal hat er befohlen, immer
leistet er Gehorsam.’
11
Jene unaufhörliche Kette und Verbindung der Ursachen, wo-
durch alles und jedes verknüpft ist, scheint ganz offensichtlich
dem freien Willen des Menschen Gewalt anzutun. Aber die
wahrhaften und echten Stoiker haben solchen Unsinn niemals
offen ausgesprochen. Sollte ihnen etwa in der Hitze des Ge-
fechts - schriftlich oder in der Auseinandersetzung einer Diskus-
sion - solches entfahren sein, so wirst du erkennen, dass es sich
eher um ein Problem von Worten und Ausdrücken handelt als
um einen Irrtum in der Sache.
Chrysipp selbst (der doch als erster diese würdevolle Schule
durch spitzfindige Untersuchungen in Verruf gebracht und ge-
schwächt hat) stellt bei Aulus Gellius die These von der Beein-
trächtigung der Freiheit richtig.12 Und unser Seneca unterwirft
keineswegs Gott dem Fatum (schließlich ist er nicht verrückt),
sondern, in seiner den Alten eigenen Art zu reden, einen Gott
dem anderen. Denn diejenigen der antiken Denker, die der
Wahrheit am nächsten kamen, sprachen, wenn sie ein und das-
selbe meinten, mal von Schicksal, dann von der Vorsehung, ein
andermal von Gott.

5 Stobaeus, Eclog. Phys. 1.7.17.
6 In besagter Stobaeusstelle sind nach Aristoteles Geist (nous), Natur (fusis), Notwendigkeit (anagkh) und Zufall (tuch) als Ursachen aufgeführt (s. Weisheit 109, Anm. 45). Der Zufall wird allerdings bei Aristoteles in Physik und Metaphysik eindeutig als unwesentliche oder akzidentelle Ursache ausgewiesen. Phys. 197a5-198a13; Met. 1065a30-35; vgl. Weisheit S. 110f.,Anm. 50.
7 Zum Fatum Violentum s. Weisheit S. 96ff.
8 Sen. nat. quaest. 2.36.
9 SVF II 264.14-15.
10 Lipsius spielt auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Stoa (=Säulenhalle) an.
11 Sen. de prov. 5.8; s. Weisheit S. 97, Anm. 6.
12 Gellius N.A. VII2, SVF II fr. 1000. Bei Lipsius (C 1.18.50) „apud Agellium“ zu lesen: „apud A. Gellium“.




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Zenon

Chrysipp
Panaitios




Seneca

















Aristoteles









Stoiker
Daher fügt Zenon, wenn er das Schicksal als ‘bewegende Kraft
des Stoffes’
definiert, hinzu: ‘Diese kann man aber auch ohne
Unterschied Vorsehung und Natur nennen.’
13 In demselben
Sinne nennt Chrysipp es an anderem Ort ‘die ewige Vernunft
oder Vorsehung’.14 Der Stoiker Panaitios fügt an: ’Gott zeigt
sich im Fatum.’
15 Dasselbe denkt auch Seneca, wenn er deutlich
sagt:
‘Sooft du auch willst, ist es dir erlaubt, den Urheber der Dinge
und Wesenheiten16 mit anderen Namen anzurufen: Du magst ihn
mit Recht den vollkommenen und allgewaltigen Jupiter nennen,
den Donnernden, den Erhalter und Beschützer. Entgegen der
Überlieferung der Historiker ist er nicht der Schutz und Halt,
weil die Schlachtreihe der flüchtenden Römer nach einem Ge-
lübde oder Opfer zum Stehen kam, sondern weil alles steht und
besteht auf Grund seiner Güte. Wenn du eben diesen Fatum
nennst, liegst du bestimmt nicht falsch. Denn, da das Schicksal
nichts anderes ist als eine verwobene Ursachenkette, ist er die
erste aller Ursachen, von der die übrigen abhängen.’
17
Diese Worte sind derart von Ehrfurcht geprägt, dass nicht ein-
mal die Verleumdung selbst hierüber üble Nachrede führen
könnte.
In diesem Punkt weicht auch der große Denker Aristoteles nicht
weit von den Stoikern ab, wenn er an den großen König Alexan-
der schreibt:18 ‘Nach meiner Ansicht kann die Notwendigkeit
nicht anders genannt werden als Gott selbst, der eine unver-
rückbare Wesenheit ist, oder Schicksal, wodurch er alles anein-
anderreiht und ungehindert voranbringt.’

Diese Lehren mögen zwar zuweilen etwas unbekümmert daher-
kommen, doch sind sie deshalb keineswegs gottlos. Für den ge-
neigten Leser sind sie bei richtiger Auslegung gar nicht weit von
unserem wahrhaftigen Schicksalsbegriff entfernt. Dieses Lob
mache ich mit allem Ernst den Stoikern; es gibt keine andere
philosophische Schule, die der Majestät und Vorsehung Gottes
gerechter geworden wäre. Keine andere hat die Menschen in
stärkerem Maße zu himmlischen und unvergänglichen Sphären
gezogen. Sollten sie auf der Bahn des Schicksals mal ins Strau-
cheln geraten sein, so geschah dies nur aus lobenswertem und
ehrlichem Bemühen, die blinden Sterblichen vor der blinden
Göttin, Fortuna, zu retten. Sie haben nicht nur ihr göttliches
Wirken, sondern sogar ihren Namen verworfen.19

13 SVF I 44.36-37; 45.1-2.
14 Die Formulierung „ewige Vernunft“ geht nach Stobaeus auf Platon zurück, der diese dann als „Wesen des Schicksals“ bezeichne (Stobaeus, Eclog. Phys. 1.6.15/ Heeren p.178). Aus den Stoikerfragmenten (SVF II 265.30-31 u. 269.13) läßt sich ein „logos aidios“ lediglich rekonstruieren. S. Weisheit S. 99f. u. Anm. 13f.
15 Dieses Wort geht auf Antipater zurück /SVF III 249.21-22), s. Weisheit S. 100, Anm. 16.
16 rerum et naturarum“; stattdessen in SVF II 305.36 (Sen. de benef. IV7) „rerum nostrarum“.
17 Sen. de benef. IV 7.
18 Das folgende Zitat stammt aus Ps.Arist. de mundo 401b8-10; s. Weisheit S. 112 u. Anm. 52 und oben S. Anm. 4.
19 Lipsius beschließ diese Kapitel mit einem Wortspiel: „cuius non solum numen ab iis fortiter explosum, sed et nomen.“