Kapitel: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 |
Seite (im Original): C 1.21.56 | C 1.21.57 | C 1.21.58 |


Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.21.C 1.21.56
Abschluss der Abhandlung über das Fatum -
unter Hinweis auf die große Gefahr allzu tiefen Forschens.
Schließlich eine ernsthafte Mahnung, auf dass dem Geist
von der Notwendigkeit her Stärke und Kraft eingeprägt werde.


Was soll ich hierbei noch verweilen? Ich drehe bei und
wende mein Schiff ab von dieser Charybdis, die schon so viele
kluge Köpfe verschlungen hat.






1.21.C 1.21.57
Ich sehe noch den Schiffbruch Ciceros, der lieber die Vorsehung
leugnen wollte, als auch nur ein wenig der menschlichen Freiheit
aufzugeben.1 ‘Während er die Menschen auf diese Weise frei
machte’
(sagt der Bischof von Hippo2 sehr klug) ‘hat er sie
gleichzeitig zu Gotteslästerern gemacht.’
Auch unter uns Chris-
ten ist’s der Damascenus, der ebenso in dieser Brandung herum-
schwimmt: Der lässt die Vorsehung zwar bei allen anderen Din-
gen zu, nur nicht bei denen, die sich auf uns selbst beziehen.
Diese Gefahren sollen uns zur Mahnung gereichen, lieber das
sichere Land zu wählen, als zu weit in dieses Meer hinaus zu
schwimmen. Als Euclid einst vieles über die Götter gefragt wur-
de, antwortete er passend: ‚Ich weiß sonst nichts, aber das eine
weiß ich - sie hassen die Neugierigen.’
Denke ebenso über das
Fatum: Es will geschaut werden, aber nicht erforscht. Man soll
daran glauben, es aber nicht wissenschaftlich ergründen wollen.3
Ich glaube, es ist ein Wort des Bias: ‘Von den Göttern sage nur,
dass sie sind.’
Das ist sehr schön auf das Schicksal oder Fatum
übertragbar: Es reicht zu wissen, dass es da ist, und du begehst
keinen Fehler, wenn du das übrige außer Acht lässt.
So, ich komme nun wieder von den verschlungenen Pfaden zu-
rück auf meinen alten und offenen Weg: Es ist unserem Sparta
eigen zu glauben, dass die Notwendigkeit den öffentlichen Pla-
gen wesensgemäß ist. Darin sollst du Trost für deine Trauer fin-
den.
Wieso ist es deine Sache, begierig der Freiheit oder Knecht-
schaft des Willens nachzuforschen? Oder ob dein Wille ge-
zwungen wird oder geleitet? Du armer Kerl! Dein Syrakus wird
eingenommen, und du malst immer noch im Staub herum.4 Der
Krieg schwebt über deinem Haupt. Tyrannei, Mord und Tod
werden dir von
oben geschickt, aber nichts unterliegt deiner Entscheidung. Du
kannst dich wohl vor diesen Dingen fürchten, aber aus dem Weg
gehen kannst du ihnen nicht. Du kannst weglaufen, entkommen
wirst du ihnen nicht. Lege dir eine entsprechende Bewaffnung
dagegen zu und ergreife die Wehr des Fatum. Damit fügst du all
deinen Schmerzen nicht nur einen Nadelstich zu, sondern du
machst ihnen den Garaus. Sie werden nicht gelindert, sondern
verschwinden ganz.
Wenn man eine Brennnessel vorsichtig anfasst, brennt sie; packt
man aber beherzt zu, verliert sie ihre Wirkung. Ebenso wächst
die Stärke der Trauer, wenn man ihr mit zu seichten Mitteln zu
Leibe rückt, dagegen schwindet sie bei harten und strengen Arz-
neien.
Es gibt aber nichts Stärkeres und Wirksameres als die Notwen-
digkeit. Mit einem einzigen Schlag zerschlägt sie den schlappen
Haufen von Nichtigkeiten. Denn was soll der Schmerz für eine
Bedeutung haben? Du findest doch darin keinen Sinn, wenn das
Ungemach nicht nur geschehen kann, sondern geschehen muss.
Was soll dein Klagen? Du magst ein himmlisches Joch schütteln,
abwerfen kannst du es nicht. ‘Hör auf zu hoffen, durch
Klagen der Götter Schicksalsspruch zu beugen.’
Es gibt kein
Entkommen vor der Notwendigkeit außer zu wollen, was sie er-
zwingt. Vorzüglich hat dies ein ganz Großer unter den Weisen
zum

1 Zum „Schiffbruch Ciceros“ s. Weisheit S. 135f.
2 Sc. Augustinus.
3 Zur Grenze des Wissens und menschlichen Forschens s. Weisheit S. 141f.
4 Hier eine Anspielung auf den Tod des Archimedes 212 v. Chr. bei der Eroberung von Syrakus durch die Römer während des 2. Punischen Krieges.




1.21.C 1.21.58
Ausdruck gebracht: ‘Du wirst unbesiegbar sein, wenn du dich in
keinen Kampf begibst, den du nicht gewinnen kannst.’
5
Aber ein solcher Kampf ist es, den man gegen die Notwendig-
keit führen möchte: Jeder, der ihn aufnimmt, unterliegt. Und -
was dich noch mehr verwundern mag - man hat schon verloren,
bevor man die Schlacht begonnen hat.“

5 Epiktet, Enchirid. 19.