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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.8.C 1.8.29
Rede gegen das allgemeine öffentliche Übel.
Vorrangig werden drei Affekte gebändigt.
Unter diesen hauptsächlich die eitle Selbsttäuschung:
Durch diese beweinen die Menschen ihre eigenen Unglücke,
als wären es öffentliche.


Wie stehts’s Lipsius? Habe ich lange genug meine
Constantia vernachlässigt und die Ursache deines
Schmerzes erforscht? Aber ich habe gehandelt wie eine beherz-
ter und tapferer Feldherr: Ich habe alle deine Truppen in die of-
fene Feldschlacht gelockt. Mit denen werde ich nun entschlossen
den Kampf aufnehmen; zunächst jedoch in einer Art Geplänkel,
dann erst suche ich den offenen Kampf in einem förmlichen
Treffen. Im Vorgeplänkel allerdings muss ich (um es mit den
Alten zu sagen) in einem ersten Angriff drei Affekte nieder-
schlagen, die unserer Constantia feindlich gesinnt sind: die
Selbsttäuschung, die unbesonnene Vaterlandsliebe und das Mit-
leid. Aber erstere an erster Stelle.
Du behauptest, die öffentlichen Plagen nicht aushalten zu kön-
nen, sie seien dir derart schmerzhaft, du wollest sogar lieber






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Selbsttäuschung
Simulatio
sterben. Meinst du das im Ernst? Oder ist das hier solch ein
Selbstbetrug, eine Verstellung?“
Ziemlich erregt entgegnete ich: „Fragst du das etwa im Ernst,
oder machst du dich über mich lustig?“ „Allerdings meine ich es
ernst!“ antwortete Langius. „Es gibt nicht wenige in eurem La-
zarett des Geistes, die die Ärzte hinters Licht führen und einen
Schmerz über öffentliches Unglück vortäuschen, tatsächlich je-
doch nur ihr eigenes vor Augen haben.
Ich frage dich also, bist du dir darüber im Klaren, ob die Sorge,
die dich momentan beunruhigt und dir zu Herzen geht, wirklich
wegen des Vaterlandes entsteht oder nicht doch aus Angst um
deine Person?“
„Zweifelst du etwa?“ hielt ich dagegen. „Es geht mir allein um
die Heimat, Langius, allein dem Vaterland gilt meine Trauer.“
Langius erwiderte darauf mit einem Kopfschütteln: „Mein Jun-
ge, gib genau acht. Denn wenn in dir eine derart starke und reine
Vaterlandsliebe ist, sollte es mich wundern: Es gibt sie nur bei
wenigen! Ich gebe zu, wir Menschen klagen oft über öffentliche
Übel, und kein anderer Schmerz ist derart allgegenwärtig und
sticht einem mehr in die Augen. Wenn du es dir aber näher be-
trachtest, findest du meistens eine Diskrepanz zwischen dem öf-
fentlichen Bekenntnis und der echten Gesinnung.1 Die Worte
‘Das Unglück des Vaterlandes rührt mich an’ sind ehrsüchtig,
nicht aufrichtig. Sie kommen nicht von innen heraus, sondern
sind lediglich Lippenbekenntnisse. So heißt es von Polus,2 dem
berühmten Schauspieler, er habe, als er in Athen in einem Thea-
terstück auftrat, in dem er große Trauer ausdrücken musste,
heimlich den Leichnam seines verstorbenen Sohnes in einer
Urne herein tragen lassen und so das ganze Theater mit aufrich-
tigem Klagen und Weinen erfüllt. Genau dasselbe möchte ich
von den meisten von euch behaupten: Ihr guten Leute spielt bloß
Theater, und unter dem Deckmantel der Maske des Vaterlandes
beweint ihr mit heißen Tränen euren eigenen Untergang.
‘Die ganze Welt spielt Theater’, sagt C. Petronius Arbiter. Das
trifft bestimmt auch hier zu. Man sagt zwar: ‘Dieser Bürgerkrieg
quält uns, so auch das vergossene Blut Unschuldiger wie der
Untergang von Freiheit und Gesetzlichkeit.’
Tatsache?
Ich sehe deutlich euren Schmerz. Aber ich zweifele doch an des-
sen wirklicher Ursache. Handelt es sich tatsächlich darum, dass
es dem Staat schlecht ergeht? Komm, du Schauspieler, lege dei-
ne Verkleidung ab. Denn es geht doch nur um dich selbst. Oft,
wenn Missernte oder Unwetter plötzlich hereinbrachen, haben
wir gesehen, wie die Bauern erzittern, zusammenlaufen und
Stoßgebete gen Himmel schicken. Aber wenn der Sturm sich ge-
legt hat, nimm sie mal beiseite und befrag sie ganz genau; dann
wirst du sehen, dass ein jeder lediglich um sein bisschen Saat
und sein
bisschen Gut gefürchtet hat. Sollte in unserer Stadt wegen eines
Feuers sturmgeläutet werden, werden sogar die Lahmen und
Blinden herbeieilen, um zu löschen. Weshalb, glaubst du wohl?
Aus Patriotismus? Frag sie selbst: Der Grund liegt darin, dass
das Verderben jeden einzelnen packt, die Ursache ist also ihre
eigene Furcht.
Ähnlich verhält es sich auch in dem von uns diskutierten Falle:

1 „discidium ... linguae cordis.“
2 S. Weisheit S. 66f. und Anm. 4.




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Die öffentlichen Übel beunruhigen die Menschen gewöhnlich
nicht, weil der Untergang vieler droht, sondern weil unter diesen
die einzelnen selbst gefährdet sind.